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Mit Ulrich Englers Führung beginnt im Dezember 2002 eine Erfolgsgeschichte – Zunft zwischen Tradition und Moderne
Carolin Blum für den Kreis-Anzeiger
Die Dunkelheit der Nacht liegt wie eine schwere Decke auf den Gassen. Nur ein kleines Licht in der Laterne erhellt den Weg. Laut erklingt das Signal eines Horns, gefolgt von einem für die Bewohner der Stadt längst vertrauten Lied. So, oder so ähnlich muss es gewesen sein, als der Nachtwächter auf seinem Rundgang die Zeit verkündete und nach dem Rechten sah, erzählt Ulrich Engler.
Der Mann ist seit 1979 Gästeführer, war 2002 der Erste, der als Nachtwächter mit einer Gruppe durch Büdingen marschierte. Vater dieser so erfolgreichen Stadtführungsidee sei Denkmalpfleger Hans-Velten Heuson gewesen. „Dem Nachtwächtern liegen ein fruchtbares Gespräch mit Hans-Velten und guter Rotwein zu Grunde“, erinnert sich Engler.
Insgesamt sieben Nachtwächter – fünf Männer und zwei Frauen – führen heute die Besucher durch die Gassen hinter den Mauern.
Streng genommen haben die Nachtwächter anno 2010, abgesehen von der Ankündigung der Zeit, nichts mehr mit den mittelalterlichen Kollegen zu tun, berichtet Eberhard Gömmer. Die Uhrzeit den Bürgern mit Hornsignalen und Gesang anzuzeigen, sei nur eine Sache gewesen. Die anderen Aufgaben beinhalteten das Verschließen zahlreicher Haustüren und Stadttore, er warnte vor Feinden und Übergriffen und war eine Art Brandwache, erklärt Gömmer. „Und er spürte unerlaubte Brotbäckereien auf, was damals nicht selten vorkam.“ Heute, da sind sich alle Nachtwächter einig, geht es freilich wesentlich spaßiger zu.
Seitdem Ulrich Engler mit dem Prototyp der Führungen im Dezember 2002 den Startschuss gab, entwickelten sich die Nachtwächterführungen in Büdingen zu einem wahren Besuchermagneten. Nicht nur alteingesessene Büdinger sind immer wieder überrascht, wie viel Geschichte und Geschichten hinter den Mauern stecken. Auch internationale Besucher kommen zuweilen aus dem Staunen nicht heraus. „Man stelle sich nur vor: Da steht ein Amerikaner vor einem Fachwerkhaus, das älter ist, als die ganze USA“, gibt Engler ein Beispiel.
Auf die Frage, ob die Nachtwächter Büdingens einst wohl auch so gerne ihren Beruf ausgeübt hätten, geraten ihre Nachfolger der Moderne etwas ins Stocken. Olaf Nuschke erklärt, dass Nachtwächter ähnlich wie Henker zu den unehrlichen Berufen zählte. Nicht nur in Büdingen habe man ihnen unterstellt, „mit den Mächten der Finsternis zu sympathisieren“. In schallendes Gelächter verfallen alle in der Runde, als Nuschke anmerkt: „Und sonderlich intelligent waren die Nachtwächter auch nicht. Das, was wir hier erzählen, täuscht.“
Ungeachtet dem einstigen Ruf, beschreiben alle Nachtwächter ihre Führungen, die etwa eineinhalb Stunden dauern, mit großem Enthusiasmus. Dass der Rundgang mit den Besuchern wegen der großen Neugierde und den daraus resultierenden Fragen dann oft bis zu einer halben Stunde länger dauere, nehme man gerne in Kauf, ergänzt Eberhard Gömmer. „Während der Führung ticken die Uhren nach Nachtwächterzeit. Und die wird mit dem Horn und dem allseits bekannten Gesang angekündigt.“ Gömmer beginnt zu singen: „Hört, Ihr Leut’, und lasst Euch sagen.“ Die anderen stimmen mit ein.
Die Rolle der Frau Für ihn und seine Frau Elisabeth, die als Burgfräulein Stadtführungen übernimmt, sei es selbstverständlich, sich immer weiterzubilden. Beide stöbern regelmäßig in alten Stadtbüchern, gehen stets mit dem Eifer zu Werke, bei einer Führung möglichst keine Frage der Besucher offen zu lassen. Besondere Rollen haben im Büdinger Nachtwächterteam die beiden Frauen inne. Einst sei es unvorstellbar gewesen, dass sich „Weiber“ nachts auf den Straßen herumtrieben. „Deshalb rechtfertigen sich die Nachtwächterinnen bei der Führung“, berichten Petra Lehmann-Stoll und Irene Ernst. Sie müssten ihre geschätzten Männer vertreten, die wie schon so oft in einem der städtischen Wirtshäuser versackt seien . . .
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