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Du Nachtwächter: Das ist kein Schimpfwort in Büdingen, wo Besucher sich bei Dunkelheit Geschichten erzählen lassen; Stadtführungen mit einer anderen Note. Der Ausflugstipp.
von Thomas F. Klein
"Wir sollten weiterziehen, sonst schaffen wir die Runde nicht." Wahrlich, der Büdinger Nachtwächter hat viel zu erzählen, manchmal zu viel auf seinem fast zweistündigen Gang durch die alten Gassen. Da muss er sich nach jedem Halt selbst zur Räson zu rufen, schon weil seine vielen Zuhörer sonst ungeduldig würden.
Was seit vielen Jahren im Nachbarort Gelnhausen unter dem Namen Erlebnisführung so erfolgreich ist, das kann für das einstige Residenzstädtchen Büdingen nicht falsch sein: Das sagte sich der Leiter der freien Theatertruppe "theodobo", Markus Karger, und schrieb sich die Hauptrolle in dem neuen Angebot für Büdingen-Besucher auf den eigenen Leib.
Versehen mit Hellebarde und Laterne, zieht er nun regelmäßig als Nachtwächter seine Runde zwischen Markt, Schloss und Hexenturm, immer einen Trupp Zuhörer und Mitläufer hinter sich bei diesen Stadtführungen zu später Stunde. Unterwegs trifft die Gruppe weitere Kostümierte, die zur Inszenierung gehören. Lauthals beklagen sie als Forstmeisterwitwe und als Koch der Burgküche ihre Seelenpein, ihre Missgeschicke und ihre Begegnungen mit dem Leibhaftigen.
Solche Geschichten, "so grausig, dass sich die Jungfern besser Augen und Ohren zuhalten", wie vorweg gewarnt, schaffen Atmosphäre. Pfiff hat die Sache durch Kargers leichthändig-ironische Anspielungen auf das aktuelle Tagesgeschehen. Roter, Grüner und Schwarzer Turm werden da zur Farbenlehre im Gemeindeparlament, nur für den Bürgermeister fehlt einer. Der gehört den Freien Wählern an.
Die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten aus der Sicht solcher Cicerones dem Publikum näherzubringen - neben der Nachtwächterführung werden verschiedene Themenrundgänge angeboten - hat sich als überaus erfolgreich erwiesen. Bisher hatte auch der rege, seit mehr 100 Jahren bestehende Geschichtsverein, der mit dem Heuson-Museum ein Haus von überregionaler Bedeutung führt, nicht verhindern können, dass die Stadt immer etwas unter Wert wahrgenommen wurde - oder mit dem selbstverliehenen Etikett "Rothenburg der Wetterau" falsche Erwartungen weckte, worüber die eigenen Besonderheiten vergessen gingen. Nicht nur kunstgeschichtlich - wer sonst besitzt schon ein dreizehnseitiges Schloss? -, auch ideell gebührt dem Ort ein besonderer Rang.
Es war der Büdinger Graf Ernst Casimir I., der mit seinem Toleranz-Edikt von 1712 Verfassungsgeschichte schrieb. Erstmals wurde damit in deutschen Landen allen um ihres Glaubens willen Verfolgten Aufnahme versprochen. Und so kamen sie aus vielen Winkeln des Reiches und den Nachbarländern - Wiedertäufer, "Sektierer", Inspirierte. Auf dem nahen Herrnhaag begründete die Herrnhuter Brüdergemeine des Grafen Zinzendorf eine große, gottesstaatähnliche Lebensgemeinschaft. In Büdingen selbst entstand westlich vom Untertor die Vorstadt aus zwei- bis dreistöckigen Fachwerkhäusern. Die dort siedelnden hugenottischen Kaufleute und Handwerker gaben dem Wirtschaftsleben wichtige, bis heute nachwirkende Impulse, spielte und spielt sich doch das gewerblich-industrielle Leben fast nur auf dieser Stadtseite ab. Den Neuankömmlingen muss nach Jahren der Drangsal und Not dieser von mächtigen Mauern umgürtete Ort inmitten der fruchtbaren Wetterau wie ein himmlisches Jerusalem auf Erden erschienen sein. Seine Pforte, das spätgotische Untertor, tauften sie nach der heiligen Stadt Jerusalemer Tor.
Ins Reich der Legende gehört hingegen die Geschichte vom Freikauf eines Büdinger Grafensohnes aus der Gefangenschaft, in die er bei einer Pilgerreise nach Palästina geraten sei: Aus Dankbarkeit habe er den Zugang zur Stadt nach Vorbild des Jerusalemer Schaftores 1503 erbauen lassen. Ob es an den Mauern lag oder an dem diplomatischen Geschick der weitverzweigten Ysenburg-Büdingischen Grafenfamilie, der einst zur staufischen Reichslandsicherung in sumpfigen Niederungen angelegte Ort blieb von größeren Zerstörungen bewahrt. Und die Stadt scheint der Versuchung zu widerstehen, sich der bröckelnden historischen Bausubstanz aus Holz und Stein via Kahlschlag zu entledigen. Mehr als 40 Jahre ist es her, dass ein erster denkmalpflegerischer Flächenplan aufgestellt wurde.
Zuletzt wurde der öffentliche Raum durch die Neugestaltung von Straßen, Parks und Plätzen aufgewertet - im sogenannten Garten Kölsch vor der Mauer, die einst die Alt- von der Neustadt trennte, sind selbst Pflanzungen nach historischen Vorbildern entstanden und - ganz neu - eine Anlage heimischer Gesteine, darunter eine herrliche Sandsteinrose, wie sie typisch für die Wetterau ist. Im Untertor hat eine Privatsammlung dieser Naturwunder ein eigenes Museum erhalten. Voranmeldungen zu den Themen- und Erlebnisführungen sind über die Büdinger Tourist-Information möglich, Telefon: 0 60 42/96 37 0. Das Programm ist auch im Internet einsehbar unter www.buedingen-touristik.de oder unter www.theodobo.de.
Vor einer Führung kann man im Gasthaus "Bleffe" essen; dort werden auch mittelalterliche Tafelgelage angeboten (Buchung ebenfalls über Tourist-Information). Museen in Büdingen: Heuson-Museum, Öffnungszeiten täglich von 10 bis 12 Uhr, mittwochs und samstags von 15 bis 17 Uhr, sonntags vor- und nachmittags; 50er Jahre Museum, täglich von 14 bis 17 Uhr, sonntags von 10 bis 17 Uhr (beide Häuser montags geschlossen); Sandrosen-Museum, am Wochenende von 14 bis 17 Uhr; Büdinger Schloss, nach Bedarf (Gruppen von fünf Personen an werden geführt); außerdem gibt es ein Modellbaumuseum im Oberhof (werktags von 18 bis 20 Uhr) sowie ein Metzgermuseum (Besichtigungstermine nach Vereinbarung über die Tourist-Information).
Alle Rechte vorbehalten.
(c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main 17. Sep 2008
Büdinger Tourismus und Marketing GmbH | Marktplatz 9 | 63654 Büdingen | Email: info@buedingen-touristik.de | Tel.: 06042 /96370
Öffnungszeiten: Mo - Fr : 10 Uhr bis 17 Uhr | Sa, So & Feiertags 11 Uhr bis 16 Uhr