
Björn Leo für den Kreisanzeiger, 03.März 2010
Am Wochenende kommen in Büdingen Nachtwächter, Türmer und Figuren zusammen
Die Hellebarden liegen auf den Holzdielen gleich hinter der schweren Eingangstür, das letzte Blau des Tages scheint durch das Fensterglas hinein ins Warme. Nebenan erzählt Eberhard Gömmer von einem Naseweis, der sich einmal zu nah an seinen Spieß heranwagte. „Der riss die Augen auf, als ich ihm das Blut auf der Klinge zeigte.“ Die Männer lachen, so wie es echte Kerle tun. Auf dem Tisch vor ihnen stehen Johannisfeuer, Holunderwein und Apfelbizzler. Jeder in der Runde hat seine Geschichte zu erzählen. Auch die Frauen. Und wehe, jemand fragt, ob sie schon unter der Haube sind, oder was es zum Abendessen gibt. Beim Nachtwächtern hat schon so mancher sein blaues Wunder erlebt. Nur hereinspaziert, an der Tafel beißt keiner.
Keine Angst, der Schein trügt. Wirklich böse ist niemand, ganz im Gegenteil. Wer Uli Engler, Elisabeth und Eberhard Gömmer, Olaf Nuschke, Petra Lehmann-Stoll und Irene Ernst kennt, weiß, dass sie herzensgute Zeitgenossen sind. Doch in ihren Rollen als Nachtwächter gehören direkte Ansprachen, der raue Ton, Schlagfertigkeit und – ganz wichtig – das Rundumpaket Büdinger Geschichte einfach dazu. Gemeinsam mit den Kameraden Andreas Haas und Markus Karger bilden sie ein Team, das die Stadt, ihre Historie und vor allem ihren Charme auf sympathische Art vermarktet.
Es kribbelt unter ihren Gewandungen, immerhin treffen sie am Wochenende auf Arbeitskollegen aus dem gesamten Bundesgebiet, Hans Hamimat kommt gar aus der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz ins Oberhessische. Am Samstag findet das Jahrestreffen der Deutschen Gilde der Nachtwächter , Türmer und Figuren in Büdingen statt. Da kann es dann schon mal passieren, dass ein heimischer Nachtwächter Seite an Seite mit dem Haarmännchen, dem Baxmann oder dem Süntelgeist durch die Altstadt marschiert.
„Wir sind stolz, einer Gilde anzugehören, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Überliefertes zu bewahren und weiterzugeben“, sagt Eberhard Gömmer, mit 75 Jahren der Senior der Büdinger Truppe. Er hatte seine Heimatstadt als Treffpunkt für dieses Jahr vorgeschlagen, ist sozusagen Verbindungsmann und Schnittstelle zur Tourist-Information. Die Einrichtung am Marktplatz organisiert das Treffen am Wochenende.
Am Freitag reisen die Gäste an, am Samstag findet zunächst eine Vorstandssitzung der Gilde im Sitzungssaal des Historischen Rathauses statt, ehe Bürgermeister Erich Spamer und Landrat Joachim Arnold, Schirmherr des Treffens, die Gäste bei einem feierlichen Empfang begrüßen. Dabei wird unter anderem die Jugend-Drumband aufspielen. Während die Sitzung tagsüber nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist, sind Gäste bei einem Rundgang, der rechtzeitig zum Einbruch der Dunkelheit beginnt, ausdrücklich erwünscht. Unter der Leitung der gastgebenden Nachtwächter ziehen alle gemeinsam durch die Altstadt, jeder bekommt Zeit und Raum, sich, seine Figur und vor allem seine Heimatstadt vorzustellen.
Ob dabei Nachtwächter Jan Tut zu Delmenhorst Demoster Plattdeutsch spricht, ob er erklärt, wer Gerd, der Mutige, war? Und wird er wissen, dass es in Büdingen mit dem Roten und dem Schwarzen Turm möglicherweise Artverwandte des Blauen Turms zu Delmenhorst gibt? Vielleicht muss Jan Tut auch die Frage beantworten, warum der Blaue 1787 dem Erdboden gleichgemacht wurde. Gespannt dürfen Teilnehmer des öffentlichen Rundgangs auch auf den Süntelgeist zu Bad Münder sein. Süntelgeister hausen nämlich in Höhlen und sind im Weserbergland anzutreffen. Am Abend bekommen die Gäste dann typische oberhessische Kost im Gasthaus „Bleffe“ serviert. Am Sonntag kommt die Gruppe dann bei einer Führung, sozusagen exklusiv, in den Genuss der Büdinger Türme und Festungsanlagen.
Zurück am Tisch im Uralten Rathaus. Es wird über den Stand der Ehe, speziell über die Rolle der Frau, diskutiert. Herrlich, wie sich vor allem die Damen voller Leidenschaft zu Wort melden. Elisabeth Gömmer, das einzige Burgfräulein, gibt den Männern immer wieder Zunder. Seit 20 Jahren ist sie Gästeführerin, wechselt gekonnt aus ihrem Gewand in die reale Welt und zurück. Irene Ernst klingt sich mit einer weiteren köstlichen Anekdote ein. „Wenn eine Besucherin etwas Gelbes trägt, frage ich stets: ‚Seid Ihr wirklich so unwissend? Ihr tragt doch die Farbe der Hure.‘ Spätestens an dieser Stelle der Führung ist das Eis gebrochen.“
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