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Bekannte Söhne und Töchter der Stadt

Oliver Potengowski für den Kreis-Anzeiger, 30.09.2010

Nicht nur Touristen, vor allem auch Bürger aus Büdingen und der Region sieht Christa Hollnagel als Zielgruppe der von ihr ausgearbeiteten Stadtführung mit dem Titel „Berühmte Büdinger“. Gemeinsam mit den Gästen wandelt sie durch die Gassen der Stadt auf den Spuren der bekannten und weniger bekannten Söhne und Töchter Büdingens.

Manche Büdinger haben Spuren hinterlassen, oder an ihr Wirken in der Stadt wird unübersehbar erinnert. Das tut seit einigen Jahren der Kölsche Garten zwischen den beiden Stadtmauern, an dem die neue Führung der Tourist-Information beginnt. Der Garten wurde zum Gedenken an Edith Kölsch angelegt, die an dieser Stelle einen berühmten Garten mit seltenen Pflanzen pflegte.

Zugleich ist der Garten eine Erinnerung an das Westernachsche Anwesen, eine große Hofreite, die im 19. Jahrhundert an dieser Stelle stand. Sie gehörte dem 1811 geborenen Arzt Dr. Ludwig Westernacher. Christa Hollnagel beschreibt, wie der Hofarzt Brunos von Ysenburg sich gleichermaßen ohne Bezahlung um die Gesundheit der Armen bemühte. Sie zitiert aus einem Lobgedicht auf den Arzt, dass er „mit gleicher Schnelle in die ärmliche Hütte, wie in die Wohnung der Wohlhabenden eilt“.

Bereits mit 35 Jahren wird Ludwig Westernacher zum Ehrenbürger ernannt. Er muss umfassend gebildet und interessiert gewesen sein. So schenken ihm die Gelnhäuser als Dank für seine Bemühungen um den Bau der Eisenbahnlinie nach Büdingen einen silbernen Becher. Der Arzt war ein führender Liberaler in Büdingen und engagierte sich stark für die Revolution von 1848.

Es scheint, als ob Büdingen im 19. Jahrhundert eine Blütezeit erlebte. Christa Hollnagel berichtet von der 1867 gestorbenen Mathilde von Ysenburg, deren gleichzeitiger Tod mit einem Vater von zahlreichen Kindern dem Arzt den Anstoß zur Gründung des Mathildenhospitals gab.

Nur wenige Schritte von Westernachers ehemaligem Anwesen können die Teilnehmer der Führung Trompetenmusik hören. Sie hören den Krumme-Saal-Marsch von Prinzessin Mathilde, obwohl namensgleich, nicht identisch mit der Namensgeberin des Krankenhauses. Erst seit wenigen Jahren wird der Komponistin mit der Benennung eines Gässchens gedacht.

Hollnagel erzählt die romantische, wenngleich tragische Liebesgeschichte zwischen der Prinzessin und ihrem Klavierlehrer. Als das Paar nach England fliehen will, um ihre unmögliche Beziehung zu leben, wird es in Dover aufgehalten. Die Prinzessin wird zurück nach Büdingen gebracht. Den Schmerz über die verlorene Liebe habe sie mit Komponieren bewältigt, berichtet Hollnagel. Die Manuskripte ihres umfangreichen Werks verstaubten im Archiv und auf Dachböden, bevor sie nach dem Angebot eines Antiquariats von Dr. Klaus-Peter Decker wiederentdeckt wurden.

„Die anderen weit draußen aus Büdingen schätzen unsere Leute weit mehr als wir“, kritisiert Hollnagel. Als Beispiel führt sie den Gestalter der Insel Mainau, Ludwig Eberling, an. In Büdingen erinnert nur eine kleine Tafel an den Gärtner. Auf der Insel Mainau wird er mit einem Denkmal für sein Wirken geehrt. Bücher berichten über seine Arbeit. „Als er da runter kam, war das ein Distelfeld“, beschreibt die Gästeführerin den Zustand, den Eberling vorfand.

Eine der wenigen Persönlichkeiten aus Büdingens früherer Geschichte, die von Hollnagel vorgestellt werden, ist Antonius Praetorius. Ende des 16. Jahrhunderts wirkte er als Pfarrer in der Grafschaft Ysenburg. In Birstein wurde er Zeuge eines von den Bürgern angestrengten Hexenprozesses. Durch sein entschiedenes Eintreten gegen Prozess und Folter und seine Predigten erreichte er, dass eine der Frauen freigelassen wurde. Die anderen waren inzwischen gestorben. Es ist der einzig überlieferte Fall, dass sich ein Geistlicher entschieden und erfolgreich gegen die Folter aussprach. Sein Engagement wurde ihm schlecht gedankt. Graf Wolfgang Ernst entließ ihn.

Dass Glaubensfragen die Geschichte und Entwicklung der Grafschaft Ysenburg immer wieder beeinflussten, zeigt auch ein Beispiel zum Abschluss der Führung. Vom Großen Bollwerk aus blicken die Gäste und Hollnagel auf die Stadt und hinüber zum Herrnhaag. Sie erzählt die Geschichte, wie die Herrnhuter Brüdergemeine als Folge des Toleranzedikts von Graf Ernst-Casimir nach Büdingen kamen. Doch nur wenige Jahre nachdem die beeindruckende Anlage zwischen Lorbach und Diebach am Haag errichtet wurde, war es mit der Toleranz vorbei. Der Sohn Casimirs, der die Herrschaft übernommen hatte, verlangte 1750 den Treueeid von der Brüdergemeine. Die Herrnhuter lehnten das ab und verließen noch vor der gesetzten Frist den Herrnhaag.

Der unternehmerische Erfolg der Gemeinde dürfte auch Anlass für die Vertreibung gewesen sein. Christa Hollnagel rühmt die handwerklichen Fähigkeiten der Glaubensgemeinschaft. Sie erwähnt die berühmten Schreiner Adam und David Röntgen, deren außergewöhnliche Möbelstücke noch immer Höchstpreise bei Auktionen erzielen. Einen Schreibtisch habe die französische Königin Marie Antoinette dem Papst geschenkt. „Ob er wohl wusste, dass ein Protestant den Tisch gebaut hat?“, fragte Hollnagel.

Christina Burkhardt, Leiterin der Büdinger Tourist-Information, sieht die Führung als wichtige Bereicherung ihres Angebots. „Das ist eine Stadtführung, die weniger die Bauwerke in den Vordergrund stellt, sondern die Menschen, die in der Stadt gelebt und gewirkt haben.“

Die Premiere der Führung „Berühmte Büdinger“ findet am Sonntag, 10. Oktober, statt. Start ist um 16 Uhr auf dem Marktplatz. Einen Zusatztermin bietet die Tourist-Information für Sonntag, 31. Oktober, ab 15 Uhr an. Anmeldungen nimmt die Einrichtung am Marktplatz unter der Telefonnummer 06042/96370 oder per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. entgegen.

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