
Aus alten, weithin unbekannten und wurmzerfressenen Folianten hat der Chronist ans Licht gebracht, woran wohl keiner mehr gedacht: Uns Büdingen, vor langer Zeit, blühte der Weinbau weit und breit! Es gab wohl manches edle Tröpfchen, vielleicht "Büdinger Eichelsköpfchen" und, geht man weiter noch zurück, auch "Sankt Remigius Kirchenstück", denn als die Kirche hier entstand, kam auch der Weinbau in das Land, gedieh und breitete sich aus im Schutzbereich vom Gotteshaus.
So war's den Bauern sicher recht, daß sie dem gräflichen Geschlecht der Ysenburgs von dem bewußten Getränk den Zehnten geben mußten. Sie murrten nicht, sie dachten bloß: "Ein Zehntel sind wir schon mal los!" Die Grafen fanden ihrerseits an dem Gewächs nur wenig Reiz, weil sie viel lieber Wein aus Franken, vom Rhein und von der Mosel tranken. Was mit dem "Büdinger" geschah - er war ja leider reichlich da - das steht geschrieben im Archiv im sogenannten "Heckenbrief". Schon vierzehnhundertdreiundzwanzig zeigt als besonders schlauer Mann sich Diether von Ysenburg, der Graf, der folgende Verfügung traf: "Der Büdinger soll ganz allein von Büdingen getrunken sein! Vom Herbst bis in die Fastenzeit schenkt man nur Wein, der hier gedeiht! Vom Ausland darf kein Tropfen Wein in unsere gute Stadt hinein, weil nur der hiesige uns schmeckt!"
So hat der Graf das ausgeheckt. Und als nach einem halben Jahr der Bauernwein getrunken war, dann war's der "Zehntwein" aus Schloss der in den Schenken weiter floß. Im Schwan, zur Krone und zum Stern verzapften ihn die hohen Herrn, und somit blieb der Rebensaft ein Privileg der Bürgerschaft. Man sagte sich mit sauerer Miene, daß dies dem Wohl der Herrschaft diene, bezahlte manchen Gulden hart und strich die Tropfen aus dem Bart: "Ist er auch rauh und unbeliebt, man nimmt den Wein, wie Gott ihn gibt!" Wie's weiter dann gekommen ist, das sagt uns leider kein Chronist, es war um die Jahrhundertwende hier mit dem Weinbau ganz zu Ende, man baute Obst und trank getreu nach Frankfurt Vorbild "Äppelwoi"; dem Büdinger wird, wie uns scheint, auch keine Träne nachgeweint, weil nirgends sich ein Wingert fände - sie wurden längst schon Baugelände!
Nur alte, eingesess'ne Leute gedenken manchmal wohl noch heute des Büdingers, den keiner wollte, der ätzend durch die Gurgeln rollte - dann wir die alte Zeit belacht, weil sauer eben lustig macht! Die Mönche hofften, stark im Glauben auch auf das Gute in den Trauben, versprachen sich zum Heil der Seelen irdische Freuden für die Kehlen. Doch was da wuchs im Sonnenlicht glich mehr des Himmels Strafgericht, wenn wir der alten Chronik glauben, so sauer waren hier die Trauben, noch wenn sie reif zur Lese waren - sie schmeckten nicht einmal den Staren. Johann Aubanus, Geograph, beschreibt genügsam, fleißig, brav die Büdinger, "die mühsam ringen, den Wein dem Boden abzuzwingen. Nicht etwa, um ihn selbst zu saufen, sie trachten nur, ihn zu verkaufen, und trinken selbst", schreibt der Verfasser "stattdessen alle lieber Wasser!" Doch hörte man von diesem Ort niemals ein Wort vom Weinexport...
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